Thomas Stein – Leviathan

44. Erzählcafé

28 Jahre sind der Fall der Mauer und damit das Ende der Deutschen Demokratischen Republik her. Das selbsterklärte sozialistische Arbeiterparadies agierte während seines Bestehens paranoid mit autoritärer Strenge. Thomas Stein hat die Schattenseiten dies autoritären Regimes zu spüren bekommen. Ein einzelner Versuch, die Grenze in den Westen zu überwinden, hat sein Leben nachhaltig geprägt.

Thomas Stein ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines ägyptischen Vaters, die sich als überzeugte Kommunisten in der DDR kennenlernten. Geboren wurde sie in Memel (Litauen). Ihr Vater, bereits Anhänger der wachsenden kommunistischen Bewegung, zog mit der Familie in den Umbruchzeiten nach Berlin. Dort überlebte sie die Shoah.

Der Vater wurde in Kairo in eine wohlhabende Familie geboren. Nachdem er sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und einige Zeit später deswegen verhaftet und hingerichtet werden sollte, helfen ihm politische Beziehungen innerhalb der Familie, ein Exil in Frankreich zu finden. Von dort reist er in die DDR.

Sowohl der Mutter als auch dem Vater geht es als glühenden Kommunisten (die Mutter war SED Genossin) in der DDR recht gut. Die Mutter arbeitet in einem Ministerium, das Thomas nicht näher benennen möchte, der Vater auch für die Staatssicherheit. Die Waffen der Grenzsoldaten zu bewundern und – wenn die Kinder besondere Geschenke wie etwa Schnaps mitbrachten – das Gewehr auch mal durchladen oder die Leuchtpistole halten zu dürfen, gehört in Thomas Kindheit zur Normalität. In der Schule ist er ein durchschnittlicher Schüler, der nicht weiter auffällt. Seine kindliche Neugierde lässt ihn den RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) hören, was natürlich nicht erwünscht war. „Wer RIAS hört, den Frieden stört“, erinnert er sich an ein gängiges Sprichwort. Genährt von den Verlockungen aus dem Radio, verleitet ihn seine Neugier im Alter von 15 Jahren gemeinsam mit einem Freund zu der Idee, diesen „Westen“ mit eigenen Augen zu sehen. Aus der Idee entwickelt sich ein konkreter Plan. Sie kommen zu dem Schluss, dass es ein Leichtes sei, auf die S-Bahn aufzuspringen, die nach ihrer Kontrolle an der Friedrichstraße die DDR verlässt. Nachdem sie die Gegend ausgekundschaftet und sich einen Plan zur Überwindung der Grenzbefestigung zurechtgelegt haben, starteten sie ihren Fluchtversuch in einer nebligen Nacht im November. Die Jugendlichen überwinden an der geplanten Stelle mit einer Leiter den Zaun, für den verlegten Stalin-Rasen haben sie sich zuvor Holzbohlen besorgt. Den Blicken der bewaffneten Grenzsoldaten im Postenhaus auf der Brücke entgehen sie leicht. Was sie jedoch nicht berücksichtigt haben, ist die Transportpolizei, die auf der Strecke patrouilliert. In Panik versuchen die Beiden zu fliehen. Daraufhin eröffnen die Grenzsoldaten sofort das Feuer. Die vorbeirauschenden Kugeln, die krachend in den Putz der angrenzenden Mauern einschlagen, reichen aus, damit Thomas und sein Freund stehen blieben. Sie werden verhaftet.

2

Die erste Haft

Thomas wird zuerst in das Polizeigefängnis in der Keibelstraße gebracht. Das Gefängnis, das vornehmlich zur „Klärung von Sachverhalten“ dient, ist ein berüchtigter Ort der DDR. Thomas erinnert sich an ein Lied, das von den Insassen häufig gesungen und von den Beamten mit Schlagstöcken beantwortet wurde. Auf die Melodie von „House oft he Rising Sun“ singt er:

“ Es steht ein Haus in Ostberlin

Ein Haus, weit ab vom Recht.

Dort sitzen wir gefangen,

ein freier Fan als Knecht.

Wir trugen lange Haare,

Wir liebten Pop und Beat.

Nun sitzen wir gefangen,

Im Haus in der Keibel-Street.“

Nach seiner Gerichtsverhandlung wird Thomas zu ein bis drei Jahren Jugendhaus verurteilt und nach Luckau gebracht. Die Eltern hatten sich dafür eingesetzt, dass ihr Sohn in dieser Einrichtung die Haft verbringt, da er dort seine Schule weiterführen konnte. 21 Monate verbringt er schließlich dort. Die Erfahrungen in dieser Zeit traumatisieren ihn. „Luckau war militärisch so durchstrukturiert, dass Sie keinen einzigen Schritt ohne Kommando machen konnten“, erklärt er. Wer sich dem verweigerte wurde mit Laufrunden oder Schlägen diszipliniert. Thomas passiert jedoch Schlimmeres. Eine Rede von Leutnant H. (aus rechtlichen Gründen darf der Name schriftlich nicht genannt werden) hat für ihn dramatische Folgen. Thomas zitiert den Leutnant: „In dieser Einrichtungen haben wir leider Mörder, Räuber und Vergewaltiger. Aber das Schlimmste was wir hier haben, sind die, die die Deutsche Demokratische Republik verraten haben“. Die Rede ermuntert seine Zellengenossen dazu, ihn in der Nacht zu vergewaltigen. Dieses Erlebnis benennt Thomas heute als Wendepunkt in seiner Gesinnung. Er wird zum Staatsfeind.

Die zweite Haft

Thomas schließt sich nach seiner Entlassung aus dem Jugendhaus der KPD/ML an. Der Wunsch, aus der DDR zu fliehen, begleitet ihn weiterhin. Aufgepeitscht durch seine Erfahrungen im Jugendhaus unterstützt er den Plan, mit Waffengewalt einen Seenotrettungskreuzer zu entführen. Der Plan geht bereits in der Vorbereitung schief und kurzer Hand sitzt Thomas wieder in Untersuchungshaft. Dieses Mal jedoch ist der Anklagepunkt ernster. Auf den Paragraphen 101, „Grenzterror“, droht zum Zeitpunkt seiner Verhaftung die Todesstrafe. Allein die Vorbereitung und Planung einer staatsgefährdenden Tat reicht für eine Anklage nach dem Paragraphen aus. Sein Vernehmer beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) weist ihn auf diesen Umstand deutlich hin. Thomas ist zu diesem Zeitpunkt gerade erst volljährig.

Nach einem dreiviertel Jahr in Untersuchungshaft darf seine Mutter Thomas zum ersten Mal besuchen. Während des Besuchs ist es verboten, über das eigentliche Delikt zu sprechen. Eine halbe Stunde steht ihnen als Gesprächszeit zu. Kurz bevor die Zeit um ist, nimmt Thomas seinen Mut zusammen: „Mama, die wollen mich hier hinrichten. Grenzterror. 101. Da steht die Todesstrafe drauf, die schießen mich tot.“ Daraufhin wird er gewaltsam von drei Offizieren aus dem Raum gezerrt. Die Mutter folgt ihrem Sohn und verhindert damit, dass er geschlagen wird. Da sie den Ernst der Lage nun kennt, vermittelt seine Mutter Lothar de Maizière als Anwalt. Ein Glücksfall für den jungen Erwachsenen, wie sich später noch rausstellen wird.

Während seiner weiteren Gefangenschaft erhält Thomas das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung zum Lesen. Sein älterer Zellengenosse bemerkt darin, dass es eine entscheidende Ausnahme bei der Verurteilung nach Paragraph 101 gibt. Geisteskranke sind von einer Hinrichtung ausgeschlossen. „Ab da wusste ich was ich zu tun hab“, erzählt Thomas nachdrücklich. Er zieht ab sofort alle Register. Er kotet und nässt sich ein, kippt sich sein Essen über den Kopf und tut auch sonst alles, um als Pflegefall anerkannt zu werden. Auf die Idee bringt ihn ein Buch, dass er dabei hat: Kampf um den Kopf von Gerhard Schultze-Pfaelzer. In diesem berichtet der Autor von seiner Gefangenschaft während der NS-Zeit und wie er sich durch das Vortäuschen einer geistigen Beeinträchtigung der Todesstrafe erfolgreich entzieht. Thomas spielt die Rolle von Schultze-Pfaelzer nach. Wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, provoziert er die Vollzugsbeamten verbal. Dass ein solches Verhalten nicht ohne Konsequenzen bleibt, bekommt er bald zu spüren.

An einem kühlen Sommertag im August nervt Thomas den Wachposten, der auf dem Laufgitter über dem Hof, auf dem Thomas Freigang hat, mit einem Kinderlied. Die daraufhin zu ihm eilenden Wachen zerren den Störenfried unsanft in den Keller. Hier macht Thomas Bekanntschaft mit der Gummizelle. Isolationshaft. Er weiß, dass er nun nicht mehr schreien muss. Hier wird ihn niemand hören. Der Leutnant, den er an den Schulterstücken durch die geöffnete Türklappe erkennt, teilt ihm nach einiger Zeit mit, dass er mit zehn Tagen Einzelarrest bestraft wird. Dann schließt sich die Klappe wieder. Hatte er zuvor gedacht, die Menschen, die sich über die Isolationshaft beklagten, seien „Weicheier“, wird er nun eines besseren belehrt. Bereits nach wenigen Stunden spürt er Bewunderung für eine Frau, die ihre zehn Tage überstanden und die er zuvor belächelt hatte. Zehn Tage in diesem Grab. Das würde er nicht aushalten. Glücklicherweise musste er das auch nicht.

In der Kissingstraße, in der er bereits über ein Jahr in Untersuchungshaft saß, durften sich die Gefangenen rasieren. Nassrasierer waren dabei mit zwei Kontermuttern gesichert, damit die Klinge nicht entfernt werden konnte. Fehler sind jedoch menschlich. Und so machte ein Wachposten den Fehler, die Schrauben nicht richtig fest zu drehen. Die Rasierklinge zerbrach Thomas, warf eine Hälfte ins Klo und die andere steckte er sich in den Pantoffel.

Diesen Pantoffel trägt er während seiner Einzelhaft. Und so hat er ein Werkzeug dabei, mit dem er sofort beginnt, die Zelleneinrichtung auseinander zu nehmen. Er stellt fest, dass es nicht leicht ist, die dicken Gummiwände mit der kleinen Rasierklinge aufzuschneiden, ohne die Klinge abzubrechen. Nach einiger schweißtreibender Arbeit kann Thomas mit beiden Händen in ein Loch der Gummiwand greifen. Nun kann er die Wand aushöhlen. Er reißt ein das Loch immer weiter auf und zieht die darunterliegende Steinwolle heraus. Mit Händen und Füßen befördert er unerlässlich Wolle hinter sich. Als er den Berg nach einiger Zeit wahrnimmt und die erhebliche Zerstörung der Zelle betrachtet, wird Thomas angst und bange. Was würde man ihm dafür antun? Keine schreiende Mutter würde ihn dieses Mal vor Schlägen retten. Um einer harten Bestrafung zu entgehen, entschließt er sich dazu, sich einseitig die Pulsadern aufzuschlitzen. Ein schmerzhafter Vorgang, denn die Klinge ist durch die vorangegangene Arbeit stark abgestumpft. Er schafft es trotzdem. Die halbe Rasierklinge stopft er in die Steinwolle in der Wand, um die Wachen zusätzlich zu ärgern.

Das Blut tropft noch aus seiner selbstzugefügten Wunde, als sich der Türspion öffnet. Schnell macht sich Hektik beim Wachposten breit, der Thomas blutüberströmt sieht – für die zusätzliche Dramatik hatte Thomas das Blut aus seiner Wunde im ganzen Gesicht verteilt. Drei Posten eilen herbei, drehen im die Arme auf den Rücken und bringen ihn aus der Zelle. Der Sanitäter stellt fest, dass die Verletzungen nicht bedrohlich sind und ein einfacher Verband ums Handgelenk reicht, um Thomas zu verarzten. Dem Oberleutnant erzählt er auf Nachfrage, dass er eine Rasierklinge benutzt hat, die allerdings nie gefunden werde. Daraufhin folgt eine gründliche Leibesvisitation. Thomas Psychospielchen gehen derweil auf. Die Beamten finden bei ihrer Suche die halbe Rasierklinge. Auf die Frage, wo die andere Hälfte sei, antwortet Thomas, dass er sich daran nicht genau erinnern könne.

Reise ins Ungewisse

Ohne zu wissen was passiert, wird Thomas, nachdem er ein ungewöhnlich gutes Essen bekommen hat – Tee mit einem Wurst- und einem Käsebrötchen – in einen Transporter verladen. Wohin die Reise geht, wird ihm nicht gesagt. Allerdings fällt ihm auf, dass Wachen in Zivilkleidung seinen Transport durchführen. Nach einiger Zeit im Transporter kann er nicht mehr sagen, wohin der Wagen fährt. Als die Fahrt jedoch zunehmend holpriger wird und Äste am Metall des Barkas B-1000 schrammen, vermutet er, dass sich der Transport auf einem Waldweg befindet. Plötzlich stoppt das Fahrzeug. Die Tür zum Transportraum wird geöffnet. Er wird zum Aussteigen aufgefordert. Draußen warten bereits seine Begleiter in zivil. Einer von ihnen trägt eine Kalaschnikow. Thomas wird aufgefordert, sein Gesicht zum Fahrzeug zu drehen. Er bekommt ein mulmiges Gefühl, dann hört er ein metallisches Geräusch. Hier unterbricht Thomas seine Erzählung.

„Es gibt wenige Dinge, die mich heute noch bewegen. Die Vergewaltigung natürlich, von der ich vorhin erzählt habe. Die lässt einen nicht los. Und dieses metallische Geräusch – von dem träume ich heute noch. Das geht aus meinen Ohren nicht raus. An diesem metallischen Geräusch werde ich sie jetzt Anteil haben lassen. Warum mache ich das? Das mache ich […], weil jedes Mal, wenn ich diese Geräusch höre, es an seiner Gefährlichkeit verliert. Sie müssen es erdulden, für mich ist es ein Stück Heilung.“

Thomas hat zu seiner Erzählung eine große Sporttasche mitgebracht, welche die ganze Zeit neben ihm auf dem Boden liegt. Nun greift er mit zittrigen Händen neben sich. Aus der Tasche zieht er eine Kalaschnikow. Eine Replik zwar, das jedoch in Größe und Gewicht originalgetreu ist. „Und jetzt kriegen sie das Geräusch.“ Thomas schaut in die Runde, ehe er das Gewehr mit einem schweren metallischen Klick durchlädt. Die Stille danach ist spürbar. „Das geht aus dem Kopf nicht mehr raus“, sagt Thomas mit ernster Stimme.

Zurück zum jungen Thomas Stein, der mit dem Gesicht zum Transporter gewandt, nicht ahnend, wohin man ihn bringt, im Wald steht und das Durchladen der Kalaschnikow hinter sich vernimmt. Er denkt an Filme über die Nazizeit, die er gesehen hat, in denen die Gestapo Kommunisten im Wald erschießt. Fragen schießen durch seinen Kopf. Hat er es mit seinem Aufstand übertrieben? War das gute Essen nicht zu seiner Genesung, sondern als Henkersmahlzeit gedacht? Würden sie ihn nun über den Haufen schießen? Dass er zum Einsteigen aufgefordert wird, nimmt Thomas nicht richtig wahr. Erst als er unsanft gepackt und zurück in den Transportraum befördert wird, wird ihm allmählich bewusst, dass nichts passiert ist. Der Stopp stellt sich als „Pinkelpause“ heraus. Auf der anschließenden Fahrt verliert er sein Zeitgefühl. Irgendwann wird der Transporter jedoch wieder langsamer. Er nimmt wahr, dass sich Schleusentore öffnen und schließen. Etwas ist jedoch anders. Sie sind seinem Gefühl nach nicht zurück nach Pankow gefahren. Am Ende seiner Reise wird Thomas in eine andere Haftanstalt verlegt. Er konnte damals nicht wissen, dass er sich nun in Hohenschönhausen befand. Sein massives Aufbegehren gegen das MfS gewöhnt er sich nach der Erfahrung auf der Fahrt ab. Die Angst, doch einfach beseitigt zu werden, ist zu groß.

Ein Gutachten, die letzte Haft und der Weg nach Westen

Thomas verbringt insgesamt zwei Jahre in der Untersuchungshaft des MfS, ehe er rechtskräftig verurteilt wird. Seine Darstellungen während dieser Zeit, die er konsequent durchzieht und immer wieder auf die Spitze treibt, haben Erfolg. Eine Gutachterin attestiert ihm nach einer Untersuchung in Buch eine verminderte Schuldfähigkeit. Die gute Nachricht überbringt ihm sein Anwalt, Lothar de Maizière.  Zwei Wochen danach wird Thomas erneut zu seinem Vernehmer gerufen, der ihm das Ergebnis des Gutachtens mitteilen möchte. Als Thomas ihm erwidert, dass er dies bereits kenne, folgt ein Schock: Laut dem Gutachten, das dem Vernehmer vorliegt, ist Thomas voll zurechnungsfähig. Erst viel später, nach Einsicht seiner Stasi-Unterlagen, erfährt er, dass Mitarbeiter des MfS das Gutachten aus Buch nachträglich ändern ließen. Als Reaktion auf die neuesten Entwicklungen nimmt Thomas sein Schauspiel wieder auf – Rumschreien, Darm entleeren. „Ich musste dann noch mal etwas die Gangart verschärfen“, drückt Thomas es heute lapidar aus. Im Anschluss an seine neueste Vorstellung soll ein Obergutachten erstellt werden. „Auch in der DDR gab es so Animositäten. Das Gericht hat sich auch nicht gerne alles sagen lassen vom Ministerium für Staatssicherheit und das Ministerium des Inneren wollte sich auch nicht alles sagen lassen“, führt Thomas aus. In Leipzig-Molsdorf wird das neue Gutachten gestellt, dessen Resultat zu Thomas Gunsten ausfällt. Es bescheinigt ihm eine verminderte Schuldfähigkeit. Eine Todesstrafe ist damit endgültig ausgeräumt.

In Brandenburg sitzt er anschließend während der Haft 96 Tage im Arrest wegen verschiedener Verstöße gegen die Hausordnung ab, der unter anderem eine Beleidigung von Strafvollzugs-Angehörigen umfasst. Das Stellen eines Antrags auf eine Pressekonferenz unter Teilnahme der internationalen Presse, welche die menschenunwürdigen Zustände in der Strafvollzugsanstalt thematisieren sollte, hatte ihm einen weiteren Teil des Arrests beschert. Die 96 Tage verbringt Thomas in einer Zelle, die einen Betonklotz als Schlafstätte hat. Als Unterlage zum Sitzen und Liegen dient ihm lediglich eine Decke. Tagsüber wird diese entfernt. Wer sich dennoch auf den kalten Betonboden setzte oder legt, riskierte eine Nierenschädigung oder Hämorriden. Tagsüber ist die einzige Lösung also, in der Zelle herumzulaufen.

„Ich habe einen Brief an den Leiter des medizinischen Dienstes Oberstleutnant Dr. B. geschrieben, ob ich nicht wenigstens für die eine Decke einen Bezug bekommen könnte. Denn die sind so siffig, dass man sich da alle möglichen Krankheiten holt. Das macht auch so einen Betonklotz nicht weicher so ein Bezug. Als Antwort bekam ich: „21 Tage für den Schreiber.“

Als Thomas dies im Erzählcafé sagt, muss er lachen. „Da hatte ich von dem auch 21 Tage bekommen. Also ich habe mich mit allen angelegt, einschließlich dem V0 Major Arndt, dem Verbindungsoffizier fürs Ministerium für Staatssicherheit.“

Auf Thomas Provokationen folgen böse Konsequenzen. Nach seiner Unterbringung in Einzelhaft wird er in eine Gemeinschaftszelle verlegt. Die Insassen empfangen ihn unfreundlich. Gleich zu Beginn sprechen sie ihm eine Drohung aus, sollte er beim Arbeitseinsatz die Norm nicht erfüllen. Sofort erinnert sich Thomas an die traumatischen Erlebnisse in Luckau. Vor Übergriffen wird ihn hier niemand schützen. „Und da habe ich gedacht, am nächsten Tag darfst du in dieser Zelle nicht mehr drin sein und wenn du tot bist.“ Er rückt am nächsten Tag nicht mit den anderen zur Arbeit aus. Stattdessen packt er seine Klamotten und betätigt die Rufanlage. Daraufhin erscheint der Leutnant. Auf Thomas Bitte, aus dem Arrest verlegt zu werden, reagiert dieser lachend. „Das ist genau die richtige Verwahrung für dich“, entgegnet er ihm. Doch Thomas ist verzweifelt. Da sich die Gefängniszelle im normalen Strafvollzug im dritten Stock befindet, gibt es am Fenster keine Blende oder Glasbausteine wie beim MfS und die Sicht auf das angrenzende Wohngebiet ist frei. In seiner Verzweiflung droht Thomas nun damit, auf ein Laken mit Schuhcreme ‘Politischer Gefangener, meinen Namen, von SV-Angehörigen in den Tod getrieben‘ zu schreiben, dies gut sichtbar ins Fenster und danach sich selbst aufzuhängen.

Das muss der Leutnant natürlich erst einmal seinem Vorgesetzten melden. Nach einer Weile kehrt er zurück und befiehlt kurz: „Laken nehmen, Schuhcreme nehmen, mitkommen!“. Er führt Thomas zu Major Arndt, den er als üblen Burschen in Erinnerung hat. Major Arndt raucht immer Pfeife, mit der er sich vor einem Gespräch aufplustert. So auch, als Thomas den Raum betritt. Major Arndt zieht sich an seiner Pfeife auf und spricht Thomas an: „Sie Verbrecher! Sie Dieb!“
„Nicht Dieb, bitte, Grenzterror“, verbessert ihn Thomas. Das steigert die Rage des  Verbindungsoffiziers. „Ach, Grenzterror. Ein Dieb sind Sie! Sie wollten Ihre Arbeitskraft dem Sozialismus entziehen und jetzt wollen Sie Hetzlosungen schreiben. Sie gehen in Ihre Zelle zurück und rücken morgen zur Arbeit aus und benehmen sich wie ein anständiger Gefangener! Abtreten!“ Doch Thomas bleibt stur. Der Major greift zum bewährten Mittel der Strafe durch Einzelhaft. „21 Tage! Sofort runter! Danach ein halbes Jahr lang Absonderung und ein Jahr Übersiedlungsverbot!“ Die letzte Androhung ängstigt Thomas, denn ein Major für Staatssicherheit hat sicherlich auch Einfluss.

Die Vorschriften sehen zu der Zeit eine dreitägige Pause zwischen wiederholten Einzelarresten vor. Thomas muss den Einzelarrest trotzdem am nächsten Tag antreten. Auch der Arrest-Vater, ein übler Schläger, der von allen nur „Papa Marcel“ genannt wird, ist verblüfft den jungen Mann so kurz nach der letzten abgesessenen Strafe wiederzusehen. Auf die Verblüffung folgt eine kurze Beratung zwischen Papa Marcel und dem Offizier, der Thomas verlegt. Thomas bekommt nur Fetzen des Tuschelns der Beiden mit, kann durch Wortfetzen und Pfeifengesten jedoch ableiten, dass sie sich über den Major lustig machen. Der Arrest-Vater bietet Thomas an, dass er sich selbst aussuchen kann, ob er lieber eine Zelle oben oder unten haben möchte. Thomas überlegt. Und wägt die Vor- und Nachteile seiner Optionen ab. Während man oben kein Fenster hat und sich nur über das Oberlicht mit anderen Gefangenen unterhalten kann, bieten diese Zellen den Luxus einer eigenen Toilette. Unten ist die Situation genau umgekehrt. Hier hätte Thomas ein Fenster, muss für die Notdurft jedoch ein Kübel benutzen. Thomas entscheidet sich für die Variante mit dem Fenster, weil er dort auch mal Vögel oder Kommandos beobachten kann. Diese Zelle ist die Letzte, die er sehen wird. Kurz darauf geht alles ganz schnell.

Thomas wird freigekauft. Er muss seinen Arrest nicht mehr vollständig absitzen und noch während seiner Zeit in Einzelhaft wird er nach Karl-Marx-Stadt in ein Untersuchungsgefängnis des MfS gebracht. Hier muss er erneut einen Ausreiseantrag stellen und nach einigen Verhören steht dem Weg nach Westen nichts mehr im Wege. Über Karl-Marx-Stadt kursierten Gerüchte, dass die Gefangen vor der Überführung nach Westdeutschland noch einmal richtig gutes Essen bekommen würden. Die Realität sah allerdings anders aus. Thomas erinnert sich an ein Stück vergammelte Leberwurst und blaue Kartoffeln. Am Tag der Abreise, alle Gefangen sind bereits in Zivilklamotten gekleidet, steht ein goldener Mercedes im Innenhof, dem Rechtsanwalt Dr. Vogel entsteigt, Unterhändler der DDR für den Gefangenenaustausch zwischen Ost- und Westdeutschland. Thomas und die restlichen Mitgefangenen steigen in einen Magirus-Deutz mit Ost-Kennzeichen ein. Vom Fahrer lässt er sich später zeigen, wie das Nummernschild im Handumdrehen in ein West-Nummernschild gedreht werden kann. Mit der Wagenkolonne geht es zum Grenzübergang Herleshausen. Vor der Abfahrt steigt Dr. Vogel zu ihnen in den Transporter, um letzte Anmerkungen zu machen. „Bitte nicht aufstehen, keine Beifallsbekundung, nichts! Es sind schon Busse umgedreht worden, also bleiben sie bitte sitzen. War doch alles nicht so schlimm! Aber enthalten sie sich im Westen jeglicher Hetze, das macht unsere Arbeit nur schwerer. Wir wollen andere auch noch rauskriegen.“ Mehr als die Aussicht auf Westdeutschland bewegt Thomas die Fahrt zum Grenzübergang: „Man sah das erste Mal wieder weites Land und Himmel.“

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Die komplette Geschichte hat Thomas Stein in seinem Buch „Grenzterror“ veröffentlicht.

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