Sabine Topefer-Kataw – Politik von außen betrachtet

43. Erzählcafé

Sabine Toepfer-Kataw kommt in das Erzählcafé als ausgeschiedene Politikerin. Heute sieht sie ihren langjährigen Beruf, von dem sie selbst sagt, dass man nie richtig aus ihm ausscheiden kann, aus einer anderen Perspektive. Sie hat viel erlebt und Erfahrungen gemacht, die ihren Blick auf die Umsetzbarkeit von Ideen und Idealen verändert haben.

Sabine Toepfer-Kataw wächst in Berlin auf. „Ich bin eine richtig echte Berlinerin“, sagt sie über sich selbst. Ihr Interesse für die Politik wurde durch das selbstempfundene Chaos der Sozial-Liberalen-Koalition Anfang der 1980er Jahre geweckt. Sie ist unzufrieden, will etwas ändern. Ihr Vater empfiehlt ihr, sich an ihren Bundestagsabgeordneten zu wenden. Ein erster Brief bleibt ohne Antwort. Auf den zweiten Brief folgt eine Einladung der Jugendorganisation der CDU. Sie erinnert sich an den ersten Kontakt mit „der Politik“ als junge Frau: „Ich kam also ins Rathaus Neukölln zu einer Sitzung der Jungen Union. Die war im wahrsten Sinne des Wortes eine Sitzung der Jungen Union, denn da waren nur Jungs. Fünf an der Zahl. Ich bin nun kein hübsches Mädchen gewesen, aber ich war halt jung und alle fünf baggerten mich an. Da dachte ich mir nur: Na die müssen ja Bedarf haben. Ich dachte mir, das ist nicht Politik, wie du dir das vorstellst. Ich bin schon mit diesem Ansatz in die Politik gegangen.“

Trotzdem: Nachdem ihre Erwartungshaltung, selbst etwas zu verändern und Politik mitzugestalten, einmal geweckt wurde, rückt Sabine Toepfer-Kataw 1991 für einen Parteikollegen ins Berliner Abgeordnetenhaus nach. 1995 kandidiert sie direkt. Das sehr gute Wahlergebnis ist für sie überraschend. Die Zeit nach der Wiedervereinigung ist für sie bereichernd und fasziniert sie noch heute. „Da war ein Umbruch drin; da waren ganz viele neue Ideen unterwegs und da ist vieles gemacht worden. Da war eine Aufbruchsstimmung da, die war etwas anders“, schwärmt sie. Nach zehn Jahren im Abgeordnetenhaus ist für Sabine erst einmal Schluss. Parteiinterne Schwierigkeiten hindern sie daran, wieder für ein Direktmandat aufgestellt zu werden. Sie empfindet das im Nachhinein als Glücksfall, weil sie so schon frühzeitig die Politik von außen betrachten konnte.

Ein Anruf vom Senator

Nach ihrer politischen Arbeit als Wahlkreisabgeordnete geht sie zurück in ihren alten Beruf bei der Deutschen Rentenversicherung Bund. Etwa zehn Jahre später bekommt sie einen Anruf von einem alten Mitstreiter, den sie aus ihrer Zeit bei der Jungen Union kennt. Ihr Bekannter ist mittlerweile Senator und bietet ihr die Position als Staatssekretärin für Justiz und Verbraucherschutz an. Anfängliche Zweifel zerstreut der Senator noch am Telefon und Sabine nimmt die Position an. „Ein Glück, dass ich das gemacht habe“, sagt sie heute. Bei ihrer Arbeit als Staatssekretärin hat ihr Verwaltungswissen aus ihrem Beruf bei der Deutschen Rentenversicherung geholfen. „Das ist für Politiker nicht immer so durchschaubar und deswegen ist es gut, wenn man so eine Erfahrung hat und das hat mir auch geholfen, die Zeit in der Berliner Verwaltung zu überleben.“ Denn in der Berliner Verwaltung läuft vieles anders, als sie es aus der Bundesverwaltung kennt. „Von der Ausstattung über die Art und Weise des Miteinanders bis zu den Arbeitsabläufen ist das alles zwanzig Jahre zurück gewesen.“ Als Staatssekretärin in Berlin schwört sie ihren Eid auf das Land Berlin und ist damit in erster Linie nicht ihrer Partei, sondern dem Land gegenüber verpflichtet. Gleichzeitig arbeitet sie für einen Senator, der ein politisches Amt bekleidet und nicht Teil der Verwaltung ist. „Das ist natürlich immer schwierig, wenn Sie so zwei Hüte haben, einen runter einen hoch. Aber ich finde es müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.“ Sie hat eben kein Verständnis dafür, warum die Beamten aus Bonn nach der Wiedervereinigung nicht ohne Zusatzprämie nach Berlin
entsendet wurden. Schließlich erhalten Beamte für ihre Loyalität zum Staat auch eine besondere Fürsorge.

Der beharrliche Kampf um Ideale

In ihrer Zeit als Staatssekretärin verfestigt sich ihr Eindruck von Politik: „Politik macht eigentlich aus: Immer dicke Bretter bohren“, resümiert sie. In ihrer Erzählung schwingt Ernüchterung mit. Ihre Erwartungshaltung, die sie als junger Mensch enthusiastisch in die Politik gezogen hat, wurde immer wieder gedämpft. Den Kampf um die politische Willensbildung beschreibt sie mit ihren eigenen Worten:

„Man ist ständig damit beschäftigt, irgendjemandem auf die Füße zu treten; man ist ständig damit beschäftigt, irgendwas zu fordern, was eigentlich so wirklich keiner will. Die Mehrheit will es vielleicht sogar, aber die, die sie dazu treiben wollen, die versuchen beharrlich Widerstand aufzubauen. Deshalb bin ich ehrlich gesagt gar nicht so traurig, dass ich nicht mehr so aktiv Politik mache: Sie kriegen dafür kein Dankeschön. Sie können zwar manchmal selbst einen Erfolg sehen und durch eine Arbeit auch vielleicht eine Veränderung anstoßen. Aber das Große, wo sie sagen: Da hast du jetzt was gerissen, da hast du was verändert, da hast du was total anders gemacht; dieses Erlebnis fehlt. Wenn der Tischler seinen fertigen Tisch sieht, dann sagt er: Das habe ich geschafft! Oder wenn der 100-Meter-Läufer gewinnt, dann sagt er: Die Jahre des Übens, des Trainings haben sich gelohnt. Als Politiker machen Sie immer alles falsch. Das soll kein Gejammer sein. Es ist nicht so, als würde ich sagen, ich bin traurig darüber. Aber egal, was passiert: Sie finden immer Jemanden, der hätte es besser gemacht oder anders gemacht oder schon viel früher gemacht.“

Ihrer Erfahrung nach gibt es auch aufgrund dieses fordernden politischen Systems drei Typen von Politikern: „Das sind einerseits die, die das aus Überzeugung machen. Die Weltverbesserer, die Gutmenschen, Menschenretter, die mit einem Enthusiasmus da reingehen und einfach grundsätzlich daran glauben, dass das schon gut wird: Wir schaffen das! Dann gibt es den zweiten Typ: Der braucht Aufmerksamkeit. Die sind wichtig, die möchten immer vorne stehen, die haben alles schon geklärt. Und dann gibt es den dritten Typus, der braucht das Geld.“

Unabhängig davon, aus welchen Gründen und mit welcher Haltung ein Mensch in die Politik geht, findet Sabine eine Begrenzung von Amtszeiten sinnvoll. Sie spricht dabei aus ihrer eigenen positiven Erfahrung, die sie durch den langen Ausstieg aus dem politischen Alltag machte. Von außen auf das politische Geschäft zu blicken, hat ihr gut getan und sie konnte vieles mit der neu gewonnen Distanz anders betrachten. So fasst sie die Politik und das komplexe Gesellschaftsgebilde, das diese repräsentiert, als schwermütiges und fragiles Konstrukt auf, als eine eingespielte Maschine, bei der viele kleine Räder ineinandergreifen, damit etwas funktioniert. „In diesem Schwanken habe ich immer versucht meine Ideen umzusetzen“, fasst sie zusammen. Für Sabine war es nicht immer leicht zu verstehen, warum einige Ideen wahrgenommen wurden und warum sie an anderer Stelle ignoriert wurden. Politik ist mühsam und von vielen Faktoren abhängig. Das ist zwar oft frustrierend, unterm Strich steht sie jedoch versöhnlich zu dem System: „Es ist glücklicherweise richtig gut demokratisch bei uns, das heißt, man braucht immer Mehrheiten. Und Mehrheit zu finden funktioniert nur dann, wenn Leute mitmachen. Das heißt, Demokratie – so blöd sich das anhören mag – lebt vom Mitmachen. Nur wenn sich die Leute einbringen, und wenn es nur in einem kleinen Teilbereich ist, funktioniert es.“

Ein Wandel von Nähe und Distanz

Sabine stellt fest, dass sich das Wie über die Jahre hinweg verändert hat. Stellschrauben müssen zwar immer noch bewegt werden, aber die Art und Weise hat sich für sie verändert. Sie hat das Gefühl, dass die Politik zum Beginn ihrer Karriere, zur Wendezeit, näher am Menschen war. Prozesse wurden in persönlichen Gesprächen in Gang gebracht und Beziehungen spielten eine übergeordnete Rolle. Heute sei alles ein wenig anonymer. Aus der Distanz betrachtet, begrüßt sie diese Entwicklung. Dass sich der Prozess in dem Maße gewandelt hat, hänge mit der Art zusammen, wie heute kommuniziert wird. Die neuen Kommunikationsmittel machen Prozesse schnelllebiger und öffentlicher. Kritischer sieht sie in diesem Zusammenhang den Einfluss der Neuen Medien auf die Politik. Unabhängig davon, ob eine Person in der Öffentlichkeit steht, müsse jeder aufpassen welches Verhalten man an den Tag legt. Ein Foto lässt sich eben nicht so leicht aus dem Internet entfernen. Für den Beruf der Politiker sei das fatal: „Die werden alle noch vorsichtiger sein.“

So wie sich die Art und die Mittel der Kommunikation verändert haben, haben sich auch das politische Miteinander und das Leben im Bezirk verändert. Die Kleinräumlichkeit, welche die Bezirkspolitik und das private Leben gleichermaßen prägte, wurde im Laufe der letzten dreißig Jahre aufgebrochen. Sabine kann sich noch gut daran erinnern, dass ein Ausflug in die Stadt in ihrer Kindheit bedeutete, dass ihre Familie zum Einkaufen in die Karl-Marx-Straße fuhr. Zu Karstadt am Hermannplatz war es schon eine kleine Weltreise. Zu dieser Zeit gab es keine Notwendigkeit, für die Dinge des täglichen Bedarfs und der außergewöhnlicheren Anschaffungen und Erlebnisse, woanders hinzufahren. Neukölln bot alles, was die Familie benötigte. Für Sabine ist das, was den Menschen eine Identifikation mit dem Bezirk gegeben hat, über die Jahre in Teilen verloren gegangen. Einen Grund dafür sieht sie unter anderem in der Konzeptlosigkeit der Stadtplanungspolitik, die es versäumt hat, regulierend einzugreifen. Wichtig für die Politik sei nicht mehr die Konzentration auf die einzelnen Bezirke, sondern auf eine gemeinsame Stadtmitte, die sich auf den inneren S-Bahn-Ring fokussiert.

Eine aktive Rolle in der Politik kann sich Sabine heute nicht mehr vorstellen. Ganz vom politischen Geschehen kann sie sich jedoch nicht lösen. Dafür ist sie zu stark in ihrem Bezirk Neukölln verwurzelt und ihr Interesse am stetigen Wandel und den zu lösenden Problemen ist zu groß, als dass sie sich dauerhaft von den Prozessen lösen könnte. Das eine ist ihr jedoch Geblieben: Die Liebe zum Miteinander, dem Reden, Diskutieren und Streiten über Meinungen und Lösungsvorschläge.

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